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Was bewegt private Bauherren, selbst Hand beim Bau ihres Hauses anzulegen?

Interview mit Dipl.-Ing. Evelyn Wernecke, Bauherrenberaterin des BSB (Erfurt)

Evelyn Wernecke: Kostenersparnis steht an vorderster Stelle. Aber auch der Wille, die eigene Leistung unter Beweis zu stellen, zählt. Für manche ist es einfach der Spaß am Bauen. Welche Beweggründe auch immer: Eigenleistungen stehen hoch im Kurs.

Welche Voraussetzungen braucht es für Eigenleistungen?
Wernecke: Zunächst sollte kritisch auf die eigenen handwerklichen Fähigkeiten geblickt werden. Davon hängt der Umfang von Eigenleistungen vorrangig ab. Doch auch die Zeit, die neben Job und familiären Verpflichtungen aufgebracht werden kann, ist realistisch einzuschätzen. Werden Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen mit eingebunden, muss man sich klar werden, dass das nur für begrenzte Zeit und nur bestimmte Arbeiten erwartet werden kann. Dabei handelt es sich in der Regel um unentgeltliche Leistungen. Nicht zu vergessen: Eigenleistungen müssen bei der Bau-Berufsgenossenschaft angemeldet werden, damit die Bauhelfer gesetzlich unfallversichert sind. Zusätzlichen Schutz bietet eine private Bauhelfer-Unfallversicherung.

Wie muss kalkuliert werden?
Wernecke: Eigenleistungen müssen gründlich geplant werden, der spätere Arbeitsaufwand ist nicht zu unterschätzen. 1000 Stunden bei einjähriger Bauzeit zu planen bedeutet beispielsweise, dass wöchentlich etwa 25 Stunden zu erbringen sind. Ist das realisierbar? Oft stehen nur Wochenenden oder der Urlaub zur Verfügung. Krankheit kann das eigene Engagement zum Erliegen bringen. Zudem erwachsen finanzielle Risiken aus nicht fachkundig ausgeführten Eigenleistungen. Denn müssen auf halbem Wege doch Handwerker beauftragt werden, geraten Zeitplan und Kalkulation durcheinander.

Was ist also realistisch?
Wernecke: Klassische Arbeiten sind beispielsweise das Malern und Tapezieren, das Verlegen von Bodenbelägen oder Außenarbeiten beim Anlegen des Gartens. Als Faustregel gilt, solche Gewerke zu bevorzugen, die einen hohen Lohn- und geringen Materialanteil enthalten. Lohnkosten sind teuer und schlagen in vollen Umfang zu Buche. Von allen Spezialgewerken jedoch sollte man die Finger lassen – es sei denn, man hat selbst eine solche Qualifikation. Abzuraten ist auch von Arbeiten, die Kenntnis von Bauvorschriften und Regelwerken erfordern wie Gründungen und Abdichtungen, Dachdecker- und Klempnerarbeiten sowie Heizungs- und Elektroinstallation.

Was kann gespart werden?
Wernecke: Eigenleistungen werden genauso berechnet wie Handwerkerstunden. Materialkosten müssen ohnehin bezahlt werden. Dabei ist zu bedenken, dass einer Baufirma oft Großabnehmerrabatte eingeräumt werden, die der Verbraucher im Baumarkt niemals erhält. Häufig ist die Gutschrift für die Muskelhypothek niedriger als der tatsächliche Wertumfang der Bauarbeiten. Deshalb muss man prüfen, ob die Anstrengung finanziell wirklich lohnt.

Honorieren die Banken das private Engagement?
Wernecke: Eigenleistungen zählen bei der Finanzierung zum Eigenkapital, sie erhöhen es und senken den Kreditbedarf. In der Regel können damit günstigere Zinskonditionen verhandelt werden. Banken honorieren also die Muskelhypothek, die allerdings konkret mit Angabe von Material und Lohnanteil nachgewiesen werden muss. Denn die Kreditinstitute kennen auch das Risiko: Wer sich überschätzt oder falsch kalkuliert, wird sehen müssen, woher er fehlendes Geld bekommt. Nachfinanzieren ist teuer und oft unmöglich. Auch hier der Rat: nicht schönrechnen, sondern ehrlich zu sich selbst sein.

Was ist bei Planung und Ablauf zu beachten?
Wernecke: Um Vertragssicherheit zu bekommen und das Kostenrisiko zu minimieren, müssen schon im Bauvertrag Eigenleistungen eindeutig definiert und zu gewährende Gutschriften vereinbart sein. Dabei sollte es sich nur um Arbeiten handeln, die sich an die Bauleistungen der Firma anschließen. Nur so ist die Gewährleistung abzugrenzen und eine Behinderung nachfolgender Gewerke und damit Terminverzögerungen auszuschließen, die dann auf Kosten der Bauherren gehen könnten. Im beiderseitigen Interesse sollten Teilabnahmen zur Abgrenzung etwaiger Mängel vereinbart werden. Denn auch das ist wichtig: Für Eigenleistungen – so einträglich sie letztlich sein können – bestehen keine Gewährleistungs- und Mängelbeseitigungsansprüche. Klar gesagt: Was man verbockt hat, muss man selbst ausbaden. Bauherren sind beispielsweise schadenersatzpflichtig, wenn selbst ausgeführte Fliesenarbeiten zu Schallschutzmängeln und damit Störungen im Nachbarhaus führen. Deshalb darf die Muskelhypothek kein erweitertes Haftungsrisiko nach sich ziehen.
Sind Eigenleistungen generell zu empfehlen?
Wernecke: Ja, wenn sie gut und realistisch geplant sind, dem Bauwerk, den eigenen Fähigkeiten und dem persönlichen Zeitbudget entsprechen. Nein, wenn sie die Bauherren überfordern. Denn das wird dann im Endeffekt nicht billiger, sondern teurer. (Fragen: bb)

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