Für viele ist es ein Traum: ein gemütliches Häuschen mit Reetdach. Denn ein Reetdachhaus erinnert an die Küste und das Meer und sorgt damit Tag für Tag für Urlaubsstimmung zu Hause. Reetdächer gibt es vor allem in Norddeutschland schon seit Jahrhunderten, und das sicher nicht ohne Grund: Denn Schilfdächer sind nicht nur schön, sondern auch besonders natürlich. Also warum den Traum vom Reetdach nicht mal auf Realitätstauglichkeit prüfen? Erfahren Sie hier alles, was Sie über Reetdächer wissen müssen und entscheiden Sie dann, ob Sie sich diesen Traum nicht doch erfüllen sollten.

Was ist Reet überhaupt?

Reet wird an Ufern oder in sumpfigen Bereichen wachsendes Schilfrohr genannt, das als Baumaterial verwendet wird. Dabei handelt es sich um einen nachwachsenden ökologischen Rohstoff, denn das Reet wird in einem einjährigen Zyklus geerntet und vor der Verarbeitung nicht chemisch behandelt. Das trockene Schilfrohr kann vielseitig eingesetzt werden, z. B. für Reetdächer, zur Wärmedämmung oder als Füllung in Trenn- und Leichtbauwänden. Ein Großteil des Reets, das in Deutschland verarbeitet wird, stammt aus Asien, Ost- und Südosteuropa, da es in Deutschland selbst nur noch wenig einheimisches Schilfrohr gibt. Dabei ist es besonders wichtig, dass das Schilfrohr korrekt geerntet wird, denn unten im Schilfstängel ist der für die Verholzung wichtige Ligninanteil höher als im oberen Teil des Schilfrohrs. Der untere Teil des Schilfrohrs ist demnach widerstandsfähiger gegen Feuchtigkeit, was gerade beim Einsatz auf dem Dach besonders wichtig ist. Vor der Verarbeitung muss das Reet allerdings gut trocknen und sollte höchstens noch einen Feuchtegehalt von 18 % aufweisen.
Reetdächer gibt es in Norddeutschland und in Dänemark bereits seit der Jungsteinzeit, als die ersten Menschen sesshaft wurden. Dabei bestanden die ersten Reetdachhäuser komplett aus Reet und Holz, erst später wurde metallisches Befestigungsmaterial wie Nägel oder Bolzen hinzugenommen, um die Stabilität zu erhöhen. Im Laufe der Jahre wurden Reetdächer in Städten zunehmend durch Steindächer ersetzt, da sie bei einem Großfeuer in den eng bebauten Siedlungen nicht so schnell Feuer fingen. Auf dem Lande war die Feuergefahr nicht so groß und die Menschen waren auch ärmer, sodass günstige Reetdächer in ländlichen Regionen als Bauform üblich blieben und dort manchmal noch bis heute das Bild prägen. Heute sind Reetdächer eher aus optischen Gründen immer noch sehr beliebt.

Wie sieht die Konstruktion eines Reetdachs aus?

Wie man es sich denken kann, ist das Reetdach darauf ausgerichtet, dass keine Feuchtigkeit ins Haus eindringen kann und dass das Dach schnell trocknet. Dazu wird bei einem Reetdach immer ein Neigungswinkel von mindestens 45 Grad gewählt. Neben der Dachneigung muss auch noch die sogenannte Halmneigung zwischen dem Stoppelende des Schilfrohrs und der Bindung beachtet werden. Dabei darf die Halmneigung 25 Grad nicht unterschreiten.
Ein Reetdach zu decken, ist Handarbeit und wird von speziell ausgebildeten Reetdachdeckern durchgeführt. Diese benutzen dazu bis heute oft noch klassische Werkzeuge wie eine Bindenadel. Dabei verknoten sie bei einer Dachfläche von 400 m2 rund 50 Kilogramm rostfreien Edelstahldraht, damit das Reet sicher auf dem Dach hält. Inzwischen gibt es auch moderne Reetdächer, die nicht mehr verknotet, sondern stattdessen verschraubt sind.
Bei der Bauweise eines Reetdachs wird meistens eine Kaltdachkonstruktion gewählt. Bei einem Kaltdach handelt es sich um eine zweischalige, belüftete Dachkonstruktion, bei denen sich zwischen der wärmedämmenden Schicht und der Dachabdichtung eine Luftschicht befindet, die an mindestens zwei Seiten des Daches über Luftöffnungen mit Außenluft versorgt wird. Dadurch ist ein optimaler Schutz vor Feuchtigkeit gewährleistet, da zwischen Außen- und Innenschale ein hoher Luftzug vorherrscht. Der Nachteil ist, dass es im Dachgeschoss eines Reetdachs in Kaltdachkonstruktion sehr zugig ist. Anders als vielleicht gedacht, ist solch eine Konstruktion aber auch möglich, wenn man das Dachgeschoss ausbauen will. Dazu muss zweischalig vorgegangen werden: Eine wärmegedämmte Innenschale umfängt dabei den Wohnraum, drum herum gibt es einen durchlüfteten Zwischenraum und erst darauf wird das Reetdach gedeckt.
Heute werden Reetdächer manchmal auch als Warmdach realisiert. Dabei muss aber sehr darauf geachtet werden, dass eine Dampfsperre eingebaut wird, damit im Winter keine wärmere und feuchtere Raumluft in das Reet eindringt und durch Kondensation zu Nässe und Schimmel führt. Damit sind Warmdachkonstruktionen als Reetdach aufwendiger zu realisieren, wobei sich das Feuerrisiko im Gegensatz zum Kaltdach reduziert.

Wie viel kostet ein Reetdach?

Wie im Bausektor üblich, hängt der Preis für ein Reetdach von vielen verschiedenen Faktoren ab und kann nicht allgemein benannt werden. Allerdings kann man davon ausgehen, dass ein Reetdach etwa doppelt so teuer ist wie ein gleich großes Ziegeldach.

Folgende Faktoren lassen die Kosten für ein Reetdach in die Höhe schnellen:

  • Reet ist als Baumaterial deutlich teurer als Ziegel. Beziehen Sie das Reet deshalb am besten vom Reetdachdecker. Der kennt sich mit der Qualität besser aus und bekommt oft bessere Konditionen, weil er Großabnehmer ist.
  • Ein Reetdach zu decken, dauert viel länger als ein Ziegeldach einzudecken, denn die Dachdecker benutzen auch heute noch klassische Werkzeuge und können nicht maschinell arbeiten, was die Handwerkerkosten in die Höhe treibt. Dabei gilt: Je komplizierter die Dachkonstruktion, z. B. wenn es eine Gaube gibt, desto teurer die Reeteindeckung.
  • Je steiler das Reetdach konstruiert wird, desto haltbarer ist es, weil das Regenwasser besser ablaufen kann. Allerdings muss man bei einer steileren Dachneigung auch mit höheren Kosten rechnen.
  • Bei Reetdächern sollten auch die hohen Folgekosten einkalkuliert werden. Denn der Wartungsaufwand ist groß und die Feuerversicherung schlägt aufgrund des hohen Feuerrisikos mit besonders hohen Versicherungsprämien zu Buche.

Wie sieht es mit Feuergefahr und Schimmelrisiko aus?

Ob Blitzeinschlag, Funkenflug oder Feuerwerksrakete – ein Reetdach kann jederzeit leicht Feuer fangen, da gibt es nichts zu bestreiten. Doch moderne Konstruktions- und Materialvorschriften sorgen heutzutage dafür, dass sich das Feuer zumindest nicht zu schnell ausbreitet und in der Regel noch genug Zeit bleibt, um das Reetdachhaus zu verlassen. Zudem sind die Befestigungen von Reetdächern so konstruiert, dass brennendes Reet nicht hinunterfallen wird und Menschen verletzen oder Fluchtwege versperren kann. Darüber hinaus werden heute in der Regel verschiedene Brandschutzsysteme eingesetzt, wie z. B. Brandschutzsysteme aus Silikat, Glasgewebe oder Steinwolle, die das Haus und die Dachkonstruktion möglichst lange vor der Ausbreitung der Flammen schützen. Zuletzt wird das Reet inzwischen meistens imprägniert und mit Mineralfaser-Brandschutzbeschichtungen versehen, sodass sich das Reetdach nicht so schnell entzünden kann wie ein unbehandeltes Schilfdach.
Neben dem Feuerrisiko wird in Bezug aufs Reetdach auch immer wieder die Verrottungs- und Schimmelproblematik angesprochen. Denn Reetdächer sind in den letzten Jahren immer mehr in Verruf geraten, da sie manchmal vorzeitig verrotten. Inzwischen weiß man, dass dies auf den Weißfäulepilz zurückzuführen ist. Der Pilz allein sorgt allerdings nicht für eine frühzeitige Verrottung, sondern es müssen noch weitere Faktoren hinzukommen.

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Bild: © Susanne Schmich – pixelio

Die Verrottungsgefahr kann in der Regel reduziert werden, …

  • wenn das Reetdachhaus in der Sonne und nicht im Schatten steht.
  • wenn das Reet zum richtigen Zeitpunkt geerntet wurde und eine gute Qualität hat.
  • wenn die Schilfrohre die richtige Dicke von 3 bis 9 mm haben.
  • wenn das Dachgefälle möglichst größer als 45 Grad ist.
  • wenn das Warmdach über intakte Dampfsperren verfügt, die das Reet vor dem Eindringen von Feuchtigkeit aus dem Inneren des Hauses schützt.

Wie lange hält ein Reetdach?

Wenn ein Reetdach fachmännisch errichtet wurde, läuft der Regen schnell ab und dringt nicht tief ein, sodass Sonne und Wind das Dach schnell trocknen lassen können. Unter durchschnittlichen Bedingungen – also ohne Sturmschaden, ohne Blitzeinschlag, ohne Pilzbefall, ohne wetterungünstige Lage usw. – hat ein Reetdach deshalb in der Regel eine sogenannte Standzeit von 30–50 Jahren. Ist das Reetdach von Moos, Algen und Schimmel betroffen, können es aber aufgrund der sich darunter sammelnden Feuchtigkeit und der dadurch schnelleren Verrottung des Schilfrohrs auch weniger als 10 Jahre sein. Deshalb ist es wichtig, das Reetdach regelmäßig mindestens einmal im Jahr zu kontrollieren und schädliche Biofilme zu entfernen. Dabei ist nicht jeder Moosbelag tatsächlich schädlich und Farbveränderungen am Reetdach normal. Schädliche Beläge entstehen meistens zuerst an der Nordseite, weil hier weniger Sonne hinkommt. Dabei ist unter Umständen auch eine Teilsanierung des Reetdaches möglich, was kostengünstiger ist als der Austausch der kompletten Reeteindeckung.

Vorteile und Nachteile eines Reetdachs

Ein Reetdach sorgt für Urlaubsflair. Deshalb ist es in erster Linie die Optik, die für ein Reetdach spricht. Wer diesem einmaligen Charme erliegt, der kann oft nicht widerstehen. Zudem soll das Wohnklima in einem Reetdachhaus besonders gut sein, schließlich ist Reet ein echtes Naturprodukt, das umweltfreundlich und komplett biologisch abbaubar ist.
Dem entgegen stehen jedoch die vielen Nachteile eines Reetdachs. Zunächst sind da die extrem hohen Kosten zu nennen. Dabei geht es nicht nur um den Anschaffungspreis, der doppelt so hoch ist wie bei einem Ziegeldach, sondern es kommen auch noch hohe Folgekosten in Form von Wartungskosten und Versicherungsprämien hinzu. Ist die Lage des Hauses ungünstig, kann durch Schimmel oder Algenbefall die Lebensdauer eines Reetdachs zudem schnell verkürzt werden, sodass das Dach erneuert werden muss. Auch mit der erhöhten Brandgefahr, die mit einem Schilfdach einhergeht, mag nicht jeder leben.

FazitEin Reetdach weckt Erinnerungen an die schönen Urlaubsregionen an der norddeutschen Küste und schenkt einem Haus einen ganz besonderen Charme. Für ein Reetdach wird trockenes Schilfrohr verwendet, das an Ufern und in Sümpfen geerntet wird. So ist Reet ein nachwachsendes, natürliches, umweltbewusstes und biologisch abbaubares Baumaterial, das mithilfe von Edelstahldraht in langwieriger Handarbeit in der Regel zu einem Kaltdach verbunden wird. Dabei können Reetdächer auch als Warmdach realisiert werden, was jedoch aufwendiger ist, da man eine besonders wirkungsvolle Dampfsperre braucht, damit das Reet nicht feucht wird. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass ein Reetdach etwa doppelt so teuer ist wie ein Ziegeldach. Leider sind die Schimmelgefahr und das Brandrisiko bei einem Reetdach besonders hoch, weshalb für Wartung, Instandhaltung und Versicherungsprämien mit besonders hohen zusätzlichen Kosten zu rechnen ist.

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