Haus des Jahres 2018

Für Hausbauer und -besitzer ist es eine Entscheidungs-Bürde: Einerseits soll das Gebäude dem Zeitgeist entsprechen. Es soll schließlich nicht aus der Zeit gefallen wirken. Andererseits wechseln auch die Hausbau-Trends. Und wer sich an Trends bindet, sorgt natürlich dafür, dass sein Haus nach dem Ende dieser Strömung altbacken wirkt – man denke an Badezimmer-Farborgien der 1970er, die heute zur Sanierung zwingen. Doch es gibt einen Mittelweg, Zeitlosigkeit. Was sowohl Bauherren wie langjährige Hausbesitzer implizieren können, um dieses hohe Gut zu erreichen, zeigen wir nun.

Die Fassadenfarbe

Je nachdem, wo das Haus steht, unterliegt seine Fassadenfarbe natürlich den mehr oder weniger starken Einschränkungen des Bebauungsplans. Das bedeutet, dass dieser erste Schritt unter Umständen nicht durchgeführt werden kann, weil einem die Gemeinde bestimmte Farben untersagt.

Nehmen wir aber einmal an, dass die Kommune keinerlei Vorgaben machen würde. Dann wäre es ein Leichtes, sein Haus in einer brandaktuellen Farbe zu tünchen – und so direkt in besagte Zeitgeist-Falle zu tappen. „Verboten“, wenn man Zeitlosigkeit im Sinn hat, sind dabei alle grellen, kräftigen Farben – etwa Orange, Grasgrün oder Ochsenblut-Rot.

Andersherum sieht es aus, wenn man Weiß- oder Beige-Schattierungen wählt. Alternativ dazu bietet sich die breite Palette sogenannterNaturfarbenan. Dabei sollte jedoch immer darauf geachtet werden, dass die Farben gedämpft sind. Werden sie zu kräftig, geht die Zeitlosigkeit wieder verloren. Und: Keinesfalls sollte man mehr als zwei Farben kombinieren. Soll der Sockel also abgesetzt werden, ist für die Fassade nur noch eine weitere Farbe erlaubt.

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1997 oder doch eher 2017 errichtet? Weiß wirkt niemals aus der Zeit gefallen. Genau so wie andere, sanft abgetönte Farben. (fotolia.com © js-photo)

Für immer Holz

Holz, das älteste aller Baumaterialien, war, ist und wird sein. Damit ist nicht der aktuell beliebte Blockhaus-Look gemeint. Im Außenbereich bedeutet es viel eher, dass Holz überall da zum Einsatz kommen sollte, wo der Zeitgeist einem eher zu dunkelgrauen Steinen, Glas oder Metall rät.Brandaktuelles Beispiel: Gabionen. Das sind diese steingefüllten Drahtgitterkörbe, die sich für alles zwischen Grenzmauer und Hangabsicherung eignen. Sie sind Zeitgeist pur und werden in einigen Jahren altbacken aussehen. Der klassische Holzzaun, ob nun en Nature oder farbig, ist die deutlich zeitlosere Alternative.

Ähnliches bei Balkonen. Hier sind derzeit Stahl und Aluminium beliebt, ganz gleich ob es sich um ein brandneues Haus handelt oder um ein Kernsaniertes. Diese metallene Nüchternheit ist ebenso modernistisch und kann durch hölzerne Verkleidungen eleganter gelöst werden.

Zeitloser Beton

Dieser Punkt bedarf einiger Erklärung. Denn wenn überhaupt ein Material für kompromisslosen Modernismus steht, dann (Sicht-) Beton. Ja, das stimmt zwar, aber genau darin bietet sich auch die Möglichkeit, flexiblen Zeitgeist ins Eigenheim zu bringen.

Nehmen wir das Badezimmer. Hier sind Fliesen ein Statement, dass sich nur durch Abreißen oder Überfliesen abändern lässt. Die hochflexible, einfach zu verarbeitende Alternative lautet „Beton Cire“. Das ist ein Putz, der auf praktisch allem zwischen Decke und Boden angebracht werden kann. Naturbelassen wirkt er wie Sichtbeton. Ebenso kann er jedoch in einem zeitlosen Ton eingefärbt werden oder später sogar als Untergrund für Fliesen taugen.

Dieser Beton Cire wird durch seine Eigenschaften auch im restlichen Innenraum eine Art vorbereitende Zeitlosigkeit. Jetzt wirkt er überall sehr modern, kann aber, wenn dieser Charakter nicht mehr gefragt ist, ungleich leichter abgeändert werden, als praktisch jedes andere Material.

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Es hat einen Grund, warum XXL-Glasfronten seit den 1920ern existieren, aber sich nie breitgesellschaftlich durchsetzten. (fotolia.com © KB3)

Die richtige Glasmenge

Kaum ein Hausbaukatalog kommt ohne den Begriff „Lichtdurchflutet“ aus. Gemeint sind damit große Fensterflächen. Natürlich ein Vorteil, je mehr Glas, desto mehr Licht. Allerdings hat die Sache einen alltäglichen Haken: Irgendwer muss diese Glasflächen regelmäßig reinigen. Und je nachdem, wie sich die weitere Innenarchitektur aufbaut, ist es da mit Trittleiter und Lappen nicht getan – von der mangelnden Privatsphäre und den trotz modernem Glasbau energetischen Nachteilen einmal abgesehen.

Doch auch das Umgekehrte ist sehr zeitgeistig: modernistische „Schießscharten-Fenster“. Sie lassen wenig Licht ins Haus. Doch wo große Fensterfronten der Außenfassade einen optischen Touch verleihen, wirken sehr kleine Fenster, je größer das Haus, umso gedrungener.

Der ideale Mittelweg sind in diesem Sinne normalgroße Fenster. Keine Glasfronten, die über mehrere Stockwerke gehen, aber auch keine Schießscharten. Das hat auch den Vorteil, dass sich die Kosten für die Fenster in Grenzen halten.

Die Raumaufteilung

Wer sich die Mühe macht, Kataloge zu durchforsten oder durch eine Musterhaussiedlung zu schlendern, stellt neben den Glasfronten noch etwas anderes fest. Im Haus selbst herrscht derzeit regelrechter „Wand-Minimalismus“. Die Lehre von den offenen Räumen wurde schon vor fast hundert Jahren vom Bauhaus postuliert und sollte für ein „offeneres Wohnen“ sorgen. Heute zeigt sich das beispielsweise darin, dass im Erdgeschoss Küche und Wohnzimmer zu einem großen Raum verschmelzen oder es zwischen Treppenhäusern und den sich daran anschließenden Räumen keine Wände mehr gibt.

Modern ist das zwar und auch im besten Sinne offen. Aber gleichzeitig auch mit unglaublichen Nachteilen für das alltägliche Leben behaftet. Denn was so gut aussieht, wird schon dann zum Problem, wenn man die Küche einfach nur für ihren ureigensten Verwendungszweck benutzt, das Kochen. Ohne Abtrennung ziehen dann die Gerüche und der Dunst durch das halbe Haus, setzen sich auf Wände, Möbel und in Polstern fest. Zudem hat die Offenheit auch energetische Nachteile. Nicht jeder Raum muss im Winter gleichstark beheizt werden. Im Wohnzimmer sollenbeispielsweise 22-23 Grad herrschen, in der Küche nur 18-20. Ohne Wand unmöglich zu erreichen. Der letzte Punkt betrifft die Privatsphäre. Wo keine Wände sind, kann man sich nicht zurückziehen, erfolgt das Kochen für Gäste im Wohnzimmer immer unter deren Augen.

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Unglaublich modern, unglaublich unpraktisch: Offene Räume ohne Abtrennung zwischen Küche, Wohnzimmer und Co. (fotolia.com © 2mmedia )

Die Dacheindeckung

Dieser Punkt steht abermals unter dem scharfen Auge des Bebauungsplanes, weshalb natürlich auch hier alle Vorgaben von der Gemeinde gemacht werden können. Heutzutage geht der Trend bei der Eindeckung in Richtung „moderner“ Materialien und Optiken. Kunststoff, der sich natürlich in alle Farben und Formen gießen lässt, ist dabei aber nur ein Material von vielen. Andere sind Aluminium, Stahl oder auch Kupfer.

Und an diesem Punkt wird es spannend, denn manches von dem, was heute als ultramodern gefeiert wird, existierte bereits in der Vergangenheit als Trend im Hausbau. Wenn das etwas signalisieren sollte, dann aber höchstens, dass damit der Beweis für die Vergänglichkeit vieler Trends gemacht ist. Wer es zeitlos handhaben will, fokussiert sich auf die beiden klassischen Materialien Schiefer und Ton. Und hier auch auf klassische Formen und nicht etwa die derzeit angesagten, flach-rechteckigen Varianten.

TIPPS:

Natürlich können diese sechs Beispiele nur einen Bruchteil dessen widerspiegeln, was an einem Haus den Unterschied zwischen Zeitgeistigkeit und Zeitlosigkeit ausmacht. Eine vollständige Aufzählung würde ganze Bücher füllen. Dafür können sich Hausbesitzer aber an einigen wenigen Grundregeln orientieren, die praktisch universell gültig sind:

  • Auf alles verzichten, das in Form, Farbe oder Struktur besonders krass optisch heraussticht
  • Alles, was in Einrichtungsmagazinen und Katalogen gezeigt wird, nur mit Vorsicht genießen
  • Generell alles, das sich nur mit immensem Aufwand abändern lässt, vor der Umsetzung gut überlegen
  • Niemals nur nach der Optik gehen, sondern immer auch darüber nachdenken, wie sich etwas im Alltag auswirken wird
  • Für eine bestimmte Design-Idee, die man aufschnappt, ruhig auch mal Google zusammen mit den Begriffen „Vorteile Nachteile“ oder „Erfahrungen“ kombinieren. Etwa „Offenes Wohnen Vorteile Nachteile“
  • Vorsicht bei allen „künstlichen“ Materialien wie Glas, Metall, Kunststoff. Diese nur sparsam einsetzen
  • Niemals den eigenen Gemütlichkeits-Faktor unterschätzen oder gar ignorieren

Und natürlich gilt auch noch die grundlegendste Regel: Sich soweit es geht von allen Extremen entfernt halten. Denn je mehr man sich in eine Richtung hinauslehnt, desto größer wird die Gefahr, dass dieses Extrem über kurz oder lang gar nicht mehr modern wirken wird, sondern nur wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Bau-Epoche.

Aktuell Bau GmbH

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