Je nach Bundesland leben zwischen 16 und 54% der Bundesbürger in einem Haus, das vor 1950 entstand. Angesichts der Tatsache, dass Altbauten heute wegen anhaltender Stadtflucht und der sich ausbreitenden Digitalisierung auch in entlegensten Dörfern heißbegehrte Objekte darstellen, stellt sich bei der meist unvermeidlichen Kernsanierung die Frage: Womit soll das „neue alte“ Haus beheizt werden? Unser Artikel skizziert das anhand eines fiktiven Altbaus, der fast schon Archetypus ist.

Ein Traum für viele: Ein Einfamilienhaus in einem verschlafenen Dorf. Viel Ruhe, frische Luft und das Beste: Zu dem Haus, dass in den 1920ern aus Backsteinen errichtet wurde, gehört ein 5000m² großes Grundstück. Aber das Haus selbst, oh je: Die Holzfenster einfach verglast, die Haustür aus Aluminium. Das Dach wurde laut Makler 1972 nach dem Orkan Quimburga neu gedeckt – mit Dachpappe und Ziegeln auf den damals schon 50 Jahre alten Balken. Dementsprechend gebogen und gewellt sieht auch die Giebelform aus, nachdem das Dach auch sämtliche weiteren Stürme von Wiebke bis Kyrill überstand. Innen steht in jedem Raum eine Nachtspeicherheizung aus den 60er Jahren. Hier liegt erst mal sehr viel Arbeit an.

Bei diesem Altbau, der so überall in der Republik zu finden ist, stellt sich gar nicht erst die Frage nach dem Arbeitsumfang: Ohne Kernsanierung läuft hier nichts. Das bedeutet, es müssen nicht nur neue Fenster eingesetzt werden, auch um eine Wärmedämmung der Wände wird der Besitzer nicht herum kommen. Allerdings wohl eher im Innenraum, denn die patinierte Optik der Backsteine soll erhalten bleiben. Wichtig ist auch, dass das Dach vollständig erneuert werden muss: Weder wäre die Dämmung des Dachbodens alleine ausreichend, noch könnten die alten und dünn bemessenen Balken das Gewicht einer zeitgenössischen Dachdämmung tragen. Und zudem könnte auch die erste mögliche Heizmethode hier für weiteres Gewicht sorgen:

 

Solarthermie

 

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Bild: © Pavlo Vakhrushev / Fotolia

Erneuerbar und einfach aufgebaut: Solarthermie ist die moderne Variante eines jahrtausendealten Prinzips. Sonnenenergie erhitzt Wasser. Bei modernen Kollektoren funktioniert das vom Grundprinzip her gleich: Das Dach wird teilweise oder komplett mit Röhrenkollektoren bedeckt. Darin befindet sich ein Wasser-Glykol-Gemisch, das nicht gefrieren kann. Der Vorteil: Selbst an kalten und/oder bedeckten Tagen reicht die Sonneneinstrahlung meist noch, um das Gemisch zu erwärmen. Es wird dann von elektrischen Pumpen umgewälzt, die Hitze an einen zweiten Kreislauf abgegeben, der die Heizkörper erwärmt. Soweit die Funktion, doch wie steht es um die Tauglichkeit für Altbauten?

Pro

  • Solarthermie verbraucht kaum Energie. Der einzig benötigte Strom fällt für die Umwälzpumpen an – bei einem Einfamilienhaus pro Jahr geringe zweistellige Beträge.
  • Der Installationsaufwand hält sich in Grenzen, wenn das Dach sowieso erneuert wird und im Idealfall schon Rohrleitungen einer vorherigen Zentralheizung in den Wänden liegen.
  • Das Bundesamt für Wirtschaft fördert Solarthermie finanziell, da es eine erneuerbare Energieform ist. Das kann die Kosten abfedern helfen.

 

Contra

  • Die Effektivität der Solarthermie ist abhängig von der Dachfläche. Und die ist bei Altbauten proportional zur Raumgröße oft verhältnismäßig gering.
  • Wer nicht plant, den Dachstuhl zu renovieren, hat geringe Chancen, dass die alten Balken genügend Tragkraft aufweisen.
  • Für die Altbau-Optik ist ein mit Kollektoren bedecktes Dach nicht eben förderlich.
  • Auch bei umfangreich gedämmten Altbauten sind die Außenwände oft zu dünn, sodass die Solarthermie alleine nicht die gesamte Heizung übernehmen kann.

 

Wärmepumpe

 

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Bild: © dima_pics / Fotolia

Die Wärmepumpe ist, wie es tarife.de treffend formuliert, ein umgepolter Kühlschrank. Denn so, wie der Kühlschrank aus seinem Inneren Wärme nach außen transportiert, sorgt die Wärmepumpe dafür, dass der Außenwelt Wärme entzogen wird, um sie zum Heizen zu verwenden. Und das wiederum ist ein äußerst umweltfreundlicher Vorgang: Rund 75% der Wärme werden je nach Ausführung entweder der Umgebungsluft oder über Bohrungen der Erde entzogen. Die restlichen 25% entstehen durch Strom, der bei großer Kälte zum Zuheizen verwendet wird. Zudem: Im Sommer kann die Wärmepumpe je nach Ausführung auch kühlen. Im Altbau hat das einige Vorteile:

Pro

  • Kann je nach örtlichen Begebenheiten auch außerhalb des Hauses aufgestellt werden – zudem sind unterschiedliche Bauformen (Außenluft-, Erdwärme- oder Grundwasser-basierend) möglich.
  • Kein Ausstoß von CO2 oder anderen Abgasen. Im Altbau müssen vorhandene Kamine nicht umgebaut werden.
  • Wärmt im Winter und kühlt im Sommer.
  • Keine Abhängigkeiten von wechselnden Gas- und Ölpreisen, sondern vom verhältnismäßig stabilen Strompreis.
  • Lässt sich in Verbindung mit einer Photovoltaik-Anlage fast kostenneutral betreiben.

 

Contra

  • Benötigt zum Starten hohe Ströme, sodass der Stromanbieter den Einbau absegnen muss.
  • Generell in der Anschaffung teurer als andere Systeme.
  • Erdwärme-Wärmepumpen sind wesentlich effektiver als Luft- oder Grundwasser-basierende Systeme, haben aber auch die höchsten Installationskosten.
  • Effektivität hängt direkt mit der verbauten Dämmung zusammen.

 

Gas- und Ölbrennwertsysteme

 

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Bild: © Alexander Raths / Fotolia

Brennwert ist heute das Maß aller Dinge, wenn es um Gas- und Ölheizungen geht. Dabei wird der Wasserkreislauf nicht nur durch die unmittelbare Verbrennungshitze erwärmt: Auch sämtliche Abwärme der Abgase wird entzogen und sogar die Kondensationswärme findet Verwendung. Das sorgt für Wirkungsgrade, die kaum noch zu steigern sind. Der größte Vorteil der Systeme ist Flexibilität: Wenn im Altbau bereits eine Zentralheizung verbaut war, können in vielen Fällen deren Rohre weiterverwendet werden. Auch das ist laut den Stuttgarter Nachrichten ein Grund für den momentanen Boom von Ölheizungen. Denn es drückt die Einbaukosten teilweise erheblich.

Pro

  • Für nahezu jede Altbauform geeignet.
  • Sehr hoher Wirkungsgrad.
  • Im Vergleich mit anderen Systemen verhältnismäßig geringe Anschaffungskosten.
  • Keinerlei Beeinträchtigung der Altbau-Optik.
  • Bei Ölheizungen kann in Phasen niedriger Ölpreise gekauft werden, anschließend ist man für längere Zeit unabhängig.
  • Kann im Verbund mit Solarthermie als ganzheitliches Heizkonzept verbaut werden.

 

Contra

  • Trotz des Wirkungsgrades entstehen nach wie vor Abgase.
  • Das Haus wird immer abhängig von externen Versorgern und ihrer Preisgestaltung bleiben.
  • Keine Verringerung der Betriebskosten durch Photovoltaik möglich.
  • Die Ölheizung benötigt zwingend einen separaten Tankraum, was den zur Verfügung stehenden Platz einschränkt.
  • Kamin und ggf. dessen Modernisierung sind zwingend erforderlich

 

Holzpellets und Co.

 

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Bild: © Gina Sanders / Fotolia

Eine Nischenanwendung, die sich immer mehr in den Fokus drängt, sind moderne Holzheizungen. Vom Prinzip her ähneln sie den Gas- oder Ölheizungen. Die Verbrennungshitze wird also zum Erwärmen eines Wasserkreislaufs verwendet. Es gibt Systeme, die ganze Holzscheite verbrennen, solche, die kleine „Hackschnitzel“ verwenden und Geräte, die Pellets verheizen. Ihnen allen gemein ist: Weil Holz nachwächst, sind sie sehr klimaneutral. Auch der Einbauaufwand im Altbau gleicht dem der Öl- und Gasheizung.

Pro

  • Holz als nachwachsender Rohstoff ist umweltfreundlich und gibt nur das CO2 beim Verbrennen ab, das der Baum zu Lebzeiten aufgenommen hat.
  • Hackschnitzel- und Pelletsysteme funktionieren vollautomatisch ähnlich wie eine Ölheizung – das Material wird ebenfalls per Tankwagen angeliefert.
  • Außen fallen keine baulichen Veränderungen am Altbau an.
  • Es kann von saisonal bedingten niedrigen Holzpreisen profitiert werden.
  • Sofern die Heizung mit Scheiten betrieben wird, kann zusätzlich ein Ofen in der Stube mit dem gleichen Brennmaterial betrieben werden.
  • Hackschnitzel- und Holzscheitanlagen können mit allen möglichen Holzarten betrieben werden.
  • Die einzige Wartung besteht laut Südwest Presse in der Entleerung des Aschekastens.

 

Contra

  • Holzscheit-Systeme müssen je nach Wetterlage alle paar Tage manuell bestückt werden.
  • Ein Lagerraum ist bei allen drei Formen zwingend vonnöten, bei Holzscheiten sollte er zudem außen liegen, damit das Holz trocknen kann.
  • e nach Region schwankt der Holzpreis teilweise sehr stark und wird durch die gesteigerte Beliebtheit von Öfen künftig eher noch zunehmen.
  • Versorgung hängt von regionalen Kleinbetrieben und deren Leistungsfähigkeit ab.

 

Fazit

Die ideale Heizung für den Altbau existiert leider nicht: Denn so unterschiedlich wie die Bauten und ihre Lage sind, wiegen jeweils auch die Vor- und Nachteile der Systeme. Ein Vorteil kann es sein, mehrere Prinzipien zu kombinieren: Etwa die Wärmepumpe mit Photovoltaik-Elementen oder eine Gasheizung mit Solarthermie. Wer jedoch sicherstellen will, dass weder am Haus noch auf dem Grundstück irgendwelche Hinweise auf Modernisierungen zu sehen sind, der wird kaum um Brennwertsysteme herumkommen, die auf Gas, Öl oder Holz basieren – mit allen Nachteilen, die daraus entstehen.

Haus des Jahres 2017

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